Notibami

Januar 20, 2009

Ein Wassertropfen zerriß die Oberfläche des Ozeans während blutrote Perlen das weiße Himmelsgestirne herunterliefen so wie Schweißtropfen über eine glatte Stirn. Das Wasser der unmittelbaren Umgebung wurde dadurch unangenehm agitiert, wobei jener Vorfall in der weltgesamtheitlichen Blauflüssigkeit allerdings wenig Beachtung fand. Das Maß an Beachtung war ungefähr jenes, welches einer roten Ampel zukommt, die vom Leuchtreklamelichtermeer der Großstadt überschwemmt wird. Hinter einer grell-schimmernden Hochhausfassade jener buntlichternen Metropole saßen zwei Männer in einem von nichts erfüllten Raum. Die Luft in jenem Zimmer war so voll von nichts, daß die Stimmen der beiden Geschöpfe von ihr in einer Art  beschwert wurden, als ob sich mit jedem ihrer Atemzüge eine dicke Schicht Blei auf ihren Stimmbändern bildete. Das Büroraumlicht bestand nicht aus Farbe. Es war farblos und versprühte eine durchsichtige Leere in dem winzigen Kasten. Zu einer Seite wurde die Kammer von einer Glaswand begrenzt. Dahinter schimmerte Farbe. In dieser äußeren Buntheit eilten Menschen hin und her. Sie liefen von hier nach dort und von dort hasteten sie sogleich weiter. Manche kehrten zurück, andere verschwanden aus dem Blickfeld, während noch andere mobiltelefonierten. Mehrheitlich waren sie gut gekleidet, abgestimmt auf die Anforderungen des täglichen Geschäfts. Außerdem verlieh die vorrangig dunkle Kleidung ihren Trägern ein recht wichtiges Aussehen. Wäre ein Fremder in einem Heißluftballon über diese Ansammlung von Menschen hinweggesegelt, hätte deren Anblick in ihm den Eindruck eines grauen, geschäftigen Ameisenhaufens inmitten einer farbenfrohen Soße hinterlassen. Ja, es hatte wirklich den Anschein als ob eine unsichtbare Kraft diese Menschen beeinflusste.
Diese Kraft war überall. Sie war nicht greifbar. Sie war unsichtbar. Sie war geräuschlos. Außenstehende konnten sie auf jene Weise spüren, wie ein Wanderer, der an einen Ort gelangt und in seinem Herzen weiß, dass er geheim ist, doch nicht sagen kann, warum das so ist. Diese große Kraft, diese mächtige Macht, sie war jederorts. In den Computern und Telefonen,  Druckern und Kabeln, Toiletten und Kaffeemaschinen, Wasserflaschen und Butterbroten, Zeitschriften und U-Bahn-Zügen. Selbst die Menschen, ja sogar die Leere, welche die Räume füllte, war voll von ihr.
Diese Macht hieß Notibami.
Die klimaanlagengeregelte Temperatur der luftleeren Kammer wurde durch die körperliche Anwesenheit jener zwei männlichen Gestalten angehoben, die zwar nicht farblos genauso wenig jedoch voll von Farbe waren. Der ältere der Beiden trank immerfort Wasser aus einer Aldiplastikflasche, unterdessen sich seine verbrillten Augen nicht von jenem winzigen Komputerbildschirm abwandten, der aufrecht vor ihm auf dem Schreibtisch stand. Gleichzeitig ertönten aus dem Lautsprecher des Telefonapparates hohle Stimmen. Die Angestellten lauschten ihnen nachdenklich und zuweilen antworteten sie auch. Dabei hielten sie das Mikrofon abwechselnd sehr nach an ihre Lippen. In dieser Kammer wurde die Zeit mit Telefonieren verbracht. Wichtige Zahlen wurden ausgetauscht, festgehalten und dargestellt. Vielleicht würden sie später zu Zwecken der Präsentation herangezogen werden. Ab und an unterhielt sich der Anzugtragende mit jenem im langärmligen Hemd. Manchmal lachten sie, ja, waren geradezu ausgelassen. Dann beendete das klingelnde Telefon die Heiterkeit.
In einer Pause erwähnte der Ältere, einen mit Kaffee gefüllten Pappbecher in der Hand haltend, dass er einmal in der U-Bahn einen Mensch mit großen, knochigen Händen und krummen Rücken beobachtet hätte. Dieser Mensch hätte ganz schäbig ausgesehen und bei seinem Anblick hätte er, der Ältere, darüber nachgedacht, was dieser Mensch wohl tue, womit er seinen Lebensunterhalt verdiene. Er wäre dann zu dem Schluß gekommen, dass es sich hierbei um einen Maurer oder Zimmermann, zumindest doch um einen Handwerker hätte handeln müssen. Zum Zeitpunkt dieser Beobachtung hatte der Ältere wohl siebzehn oder achtzehn Jahre gezählt, doch dieser Anblick hätte ihn so sehr beeindruckt, dass er beschloss zu studieren und etwas aus sich zu machen. Er wäre nun sehr froh darüber, dass er damals diese Entscheidung getroffen hätte. Immerhin hätte er es zu etwas gebracht. Auch wenn er nicht wirklich zufrieden wäre und so weiter und so fort aber im Großen und Ganzen wäre sein Leben doch recht erfolgreich verlaufen und er könne abends ohne Probleme in den Spiegel. So drückte sich der Anzugtragende aus.
Welche Bedeutung mochte jenen Herren, jenem Zimmer und jenem Gebäude zukommen? Sicherlich waren sie alle Bestandteil einer weltweit Unternehmungen unternehmenden Unternehmung, welche von außerordentlicher Größe und Wichtigkeit war. Wieviele dieser Räumlichkeiten existierten wohl in dieser Unternehmunng in welcher Anzahl von Gebäuden, die Tag ein Tag aus von welcher Menge von Menschen betreten und verlassen wurde?
„Wenn ich nicht hier wäre, würde eben jemand anderes meinen Job machen. Für die Firma würde es keinen Unterschied machen, ob ich den Job hier mache oder jemand anderes. Ale sind ersetzbar. Merk’ dir das! Auch der Typ ganz oben. Und alle wissen es. Deswegen klammern sie sich ja auch so verdammt fest. Ja, hier lernst du noch was vom richtigen Leben. So! jetzt komm! Wir trinken erst mal einen Kaffee. Oder Espresso? Oh warte, das Telefon!“ Der Ältere nahm den Hörer ab und schaltete den Lautsprecher ein.
Blut tropfte von der Wand. Es war eine große Wand. Breit und lang und Weiß. Eine Wand so hoch wie der Himmel und aus ihrer Mitte gerann ein Tropfen Blut.
„Ich gehe jetzt“, dachte der Jüngere. „Bis Morgen!“ sagte er und drückte dem Älteren die Hand. Dieser antwortete verwundert: „Ok, bis morgen.“ Dann telefonierte er weiter. Am nächsten Morgen kam der Jüngere nicht wieder. Auch am darauffolgenden Morgen nicht. An keinem Tag betrat jener junge Mensch im langärmligen Hemd wieder jenes Gebäude.
Der Anzugtragende wunderte sich zunächst über den Verbleib seines jungen Kollegen. Dann überkam ihn die Macht und es war ihm gleich.

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